Inwieweit beeinflussen Klänge und Musik das Selbst- und Welterleben? Ist Musik wirklich die Sprache, die alle verstehen? Eignet sie sich als Verständigungs- oder gar Versöhnungsmedium in globalen Kontexten? Inwiefern können auditive und musikalische Erlebnisse Transzendenz eröffnen oder vermitteln? Welchen Erkenntnisgewinn versprechen aktuelle Musik- und Klangforschungen in philosophischer, theologischer, kultur- und kunstwissenschaftlicher Hinsicht? 

Die Ausgabe 7:1 (Frühjahr 2024) der Zeitschrift LIMINA – Grazer theologische Perspektiven widmet sich entlang dieser Fragen den Potentialen und Wirkweisen von Klängen, Rhythmen und Musik.

Musik beansprucht und moduliert die Stofflichkeit der Welt und die Leiblichkeit des Menschen, zugleich aber auch seine seelischen, geistigen und emotionalen Potentiale. Darüber hinaus bestimmt und verändert sie zeitliche und rhythmische Ordnungen. 

Es gibt mittlerweile zahlreiche – auch neurobiologische – Untersuchungen des menschlichen Hörvermögens, der physiologischen Grundlagen des Musik­erlebens und des Einflusses von Klang auf das menschliche Verhalten. Demnach erweist sich Musik als Stimulans emotionaler Stimmungen, unterschiedlicher Erinnerungsprozesse, verborgener Handlungsimpulse sowie sozialer Interaktionen. Viele dieser Forschungen erhärten die Vermutung, dass sich Klangerlebnisse, Musik-Hören und mehr noch das aktive Singen und Musizieren in eminenter Weise auf die Bildungsfähigkeit, auf die Gesundheit und auf die soziale wie spirituelle Vitalität von Menschen auswirken. 

Gesang und Musik integrieren, verdichten und überschreiten kommunikative sowie sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten und erschließen auf diese Weise neue Formen menschlichen Selbstausdrucks. Auch für die Pflege kollektiver Erinnerungen und Bewusstseinsgehalte sowie religiöser Traditionen scheinen sie unerlässlich zu sein.

Besondere Bedeutung kommt in der Rezeption von Musik und Klang der Sinnlichkeit zu. Zum einen stehen die unterschiedlichen Formen des Hörens dabei im Mittelpunkt. Zum anderen spielen aber auch körperliche Resonanzen und Vibrationen eine entscheidende Rolle bei der akustisch geprägten Welterfahrung. Auch synästhetische Phänomene, besonders zwischen Gehör-, Gesichts- und Tastsinn, zeichnen das Wahrnehmen und Erfassen klingender und tönender Wirklichkeiten aus. Nicht zuletzt reagieren Menschen auf Musik mit eigener Bewegung und mit Tanz.

In religiöser Hinsicht bilden das Hören sowie das Singen und Musizieren wesentliche Gestalten der Bezugnahme auf göttliche Wirklichkeit bzw. auf Trans­zendenz. „Der Glaube kommt vom Hören“ (vgl. Dtn 6,4; Röm 10,17) lautet ein zentraler Orientierungspunkt biblischer Religiosität. Und die Antwort auf den im Hören und in zwischenmenschlicher Praxis anverwandelten Glauben gestaltet sich nicht zuletzt in Klängen, Rhythmen und Riten, mit Gesang, Musik und Tanz. „Zu hören, wie sich die menschliche Stimme im Gesang erhebt“, ist nach Salman Rushdie eines jener Ereignisse, „bei denen die Riegel des Universums aufbrechen und uns einen kurzen Blick auf das Verborgene schenken; auf einen Zipfel des Unnennbaren.“ 

Die Vermittlung und Tradierung von Offenbarung im religiösen Sinn gewinnen ihre Effektivität nicht allein in der Konservierung und kognitiven Rezeption kanonischer Texte oder Traditionsgehalte, sondern in klingenden Akten des Rezitierens, des Kantillierens sowie der rhythmisierenden und musikalischen Aufführung, vornehmlich in gottesdienstlichen Kontexten. So hat beispielsweise eine Vielzahl religiöser Texte immer wieder Anlass zu musikalischer Auseinandersetzung und zu Neuvertonungen gegeben. Dadurch wurden bislang unbekannte Deutungen und Verständnisweisen hervorgebracht, die ihrerseits religiöse Praxis mitgeformt und bereichert haben.

Entlang dieser Befunde rufen wir dazu auf, aktuelle und noch nicht publizierte Beiträge für LIMINA 7:1 einzureichen. Die Beiträge können sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache verfasst werden und sollen vornehmlich auf folgende Fragenkomplexe Bezug nehmen; selbstverständlich sind auch interdisziplinär angelegte sowie methodisch unkonventionelle Beiträge willkommen.

- Sinnliche Erfahrung im Wechselspiel von Tönen und Hören

- Synästhesien und die Leiblichkeit des Menschen

- Anthropologische Dimensionen des Singens und Musizierens

- Theologische Dimensionen von Glauben, Hören und Musik

- Phänomenologische Zugänge zu Klängen, Rhythmen und Musik

- Hören als spezifischer Weltzugang und Aufschluss von Transzendenz

- Rezeptionsästhetische Zugänge zu Klang und Musik

- Rhythmen und Klänge als unterschätzte Katalysatoren von Lebensenergie, körperlichen Prozessen, Erfahrung, Phantasie und Glaubensformen 

- Ethnomusikologische Befunde und Erkenntnisse über Welt- und Glaubens-Zugänge durch konkrete musikalische Praktiken in säkularen und religiösen Kontexten 

- Musiksoziologische Fragestellungen im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und neuer politischer oder religiöser Bewegungen 

- Religionswissenschaftliche und theologische Beiträge über Zusammenhänge zwischen Musik und Transzendenz, Musik und Spiritualität

- Theologische Aspekte von Musik und Musik-Erleben

- Das gehörte und das verlautete Wort – philosophische und theologische Zugänge zur auditiven Medialität von Sprache und Welt in musikalisch-performativer Praxis 

- Klang-Gestalten von Schöpfung, Offenbarung und Erlösung im Kontext gottesdienstlicher bzw. ritueller religiöser Praxis und Ästhetik

Wenn Sie einen aktuellen und innovativen wissenschaftlichen Beitrag zu diesem Schwerpunktthema in der Zeitschrift LIMINA – Grazer theologische Perspektiven publizieren möchten, dann senden Sie bitte ein Konzept Ihres Beitrags (max. 4000 Zeichen) an: redaktion(at)limina-graz.eu. Der vollständige Beitrag sollte nicht mehr als 40.000 Zeichen umfassen. 

Einsendeschluss für Beitragskonzepte: 31. 1. 2023
Entscheidung über die Annahme der Beiträge: 15. 2. 2023
Einsendeschluss für die ausgearbeiteten Beiträge: 30. 9. 2023
Erscheinungstermin: Frühjahr 2024

Die Schriftleitung: 
Ao. Univ.-Prof. Dr. Peter Ebenbauer
Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft
Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz 
Heinrichstraße 78, 8010 Graz