Call for Papers - Ideologien. „Überzeugungssysteme“ zwischen Vertrauen und Verdacht
Veröffentlicht am 2026-03-06Dass sich in und an ‚unseren‘ Selbstverständlichkeiten von Welt etwas sehr deutlich zu verschieben beginnt, bleibt den wenigsten verborgen und bewegt viele Gemüter, wenngleich in unterschiedliche Richtungen. Verlust, Sorge, Betroffenheit stehen Wut, Aufbruch und Euphorie entgegen und vermischen sich – bisweilen – zur Unkenntlichkeit. Polarisierung – immerhin das Wort des Jahres 2024 in den USA – lässt Kenntlichkeit und ‚Trennschärfe‘ vermuten. Ist diese wider Erwarten nicht leicht auszumachen, so könnte der überdeterminierte Begriff der Ideologie analytische Klärung ermöglichen, die bei genauer Betrachtung allerdings weder eine simple Kategorisierung zulässt noch auf die (wörtlich verstandenen) bloße ‚Feststellung‘ (existierender Verhältnisse) aus ist.
Gestehen wir zu, dass wir alle – und immer schon – Teil von komplexen und pluralen „Überzeugungssystemen“ (R. Jaeggi) sind, die ‚verkörpert‘ eine (auch) politische Praxis generieren, welche ihrerseits affirmierend auf die Überzeugungssysteme zurückwirkt, wird uns sowohl unsere Teilnehmer:innen-Perspektive wie auch die Kritik an unserer Ideologie (erneut und schmerzhaft) bewusst.
Sind wir als Menschen Teil von „Überzeugungssystemen“, so bedeutet dies, dass wir uns trotz aller Kritik an Institutionen nicht der Bezogenheit auf sie gänzlich entwinden können. Denn Ideologien mit ihren ‚Identitätsangeboten‘ werden notwendig über die ‚institutionelle Bande‘ gespielt, um individuell wie kollektiv Stabilität zu garantieren.
So wirken Ideologien nach innen auf mehreren Ebenen behausend und nach außen verschlossen-abwehrend. Letzteres hat von Beginn an die Notwendigkeit einer Ideologiekritik auf den Plan gerufen.
Allerdings läuft jede Ideologiekritik Gefahr, selbst ins ‚Ideologische‘ zu kippen und dabei ihre Defizite und Verzerrungen unsichtbar zu machen. Somit kann sich Ideologiekritik ‚nur‘ die dauerhafte Transformation ihrer eigenen epistemischen, wie gelebten Widersprüche zur Aufgabe machen.
Religionen sind aufgrund ihrer historischen Langlebigkeit ideale ‚Anschauungsobjekte‘ einerseits für den unumgänglichen Ideologieverdacht, andererseits um die (zweifelsohne ambivalente) Qualität von Ideologien würdigen zu können. Gelang bzw. gelingt Religionen eine existentiell-gemeinschaftliche Behausung von Menschen, so hängt dies (auch) mit dem ‚holistischen‘ Horizont zusammen, den sie aufzuspannen vermögen. Jedoch kann ein (zu?) groß aufgespannter Horizont auch Schließungs- und Abwehrtendenzen nach sich ziehen, die wiederum auf Herrschaft(s-Allianzen) angewiesen sind.
Somit verfolgt die Ausgabe von LIMINA 10:1 das Ziel, anhand interdisziplinärer Erkundungen unterschiedlicher Zugänge zu Ideologie und Ideologiekritik die Sinnhaftigkeit der Verwendung dieser Begriffe für ein differenziert(er)es Verständnis unserer ‚unübersichtlichen‘ gesellschaftlichen wie politischen Gegenwart zu testen. Dabei wissen sich die Herausgeber:innen der dialektischen Aufklärungstradition verpflichtet, um durch die kritische Bearbeitung von Ideologie und Ideologiekritik deren existenzielle und epistemische Möglichkeiten wie deren verdeckte ‚Unterströme‘ freizulegen.
Ausgehend von diesen Überlegungen konkretisieren die folgenden Fragestellungen den Call:
- Wie hat sich der Begriff der Ideologie historisch und philosophisch entwickelt – von einem primär erkenntniskritischen Instrument hin zu einem komplexen Konzept verkörperter Überzeugungssysteme? Inwieweit lassen sich Zusammenhänge zwischen dieser Begriffsentwicklung und epochenspezifischen Kontextbedingungen in lebenspraktischer bzw. gesellschaftlicher Hinsicht ausmachen?
- In welchem Verhältnis stehen Vertrauen und Verdacht im Kontext von wahrgenommenen bzw. zugeschriebenen Ideologien? Wie ist dieses Verhältnis im Rahmen von komplexen Religionen – primär im konfessionsdivergenten Christentum – konfiguriert?
- Welche Rolle kann Theologie als Form immanenter Ideologiekritik spielen, die nicht auf Überwindung, sondern auf Transformation epistemischer und praktischer Widersprüche zielt? Wo liegen ihre Möglichkeiten und wo ihre strukturellen Grenzen?
- Wie lassen sich biblische Texte aus einer ideologiekritischen Perspektive lesen, die ihre kritischen und widerständigen Potenziale ernst nimmt, ohne ihre ambivalenten Verstrickungen in Macht-, Identitäts- und Schließungslogiken zu negieren?
- Inwiefern sind Ideologien (auch) ‚literarischer‘ Natur, d. h. welche Rolle – positiv wie negativ – spielt die Form bzw. das Genre (Narrativ, Rhetorik etc.)? Und inwiefern trifft Selbiges auch auf Ideologiekritik zu? (Literaturwissenschaft, Linguistik, Germanistik)
- Wie wirken Ideologien über institutionelle Arrangements nach innen stabilisierend und nach außen abgrenzend? Welche Bedeutung kommt ihnen für gegenwärtige politische Dynamiken von Polarisierung, Affektmobilisierung und Identitätsangeboten zu?
- Welche Herausforderungen ergeben sich für religiöse und politische Bildungsprozesse, wenn Subjekte stets schon Teil verkörperter Überzeugungssysteme sind? Wie kann Ideologiekritik vermittelt werden, ohne in pejorative Ausgrenzungsrhetoriken zu verfallen?
- Inwiefern begünstigen bzw. hemmen jüngere technologische Entwicklungen wie das Internet, die sozialen Medien und die KI die intentionale Ausbildung von Ideologien? Was macht diese ‚Neuen‘ Medien besonders im Unterschied zu klassischen Kommunikationsformen, die als solche ‚ideologieaffin‘ sind? (Technikethik, Sozialethik, Kommunikationswissenschaften)
- Wie ist das sich wechselseitig (zumeist) stabilisierende Verhältnis von Ideologie und Institution zu denken? Gibt es institutionelle Formen – auch historisch betrachtet –, die ideologieanfälliger sind als andere und, falls ja, worauf lässt sich dies zurückführen?
- Wie interagieren die unterschiedlichen Organisationsformen von christlichen Gemeinschaften – Kirche, Sekte, Mystik (E. Troeltsch) – mit deren ‚Ideologiebedarf‘? Wie ist dies im heterogenen Selbstverständnis säkularer bzw. postsäkularer Gesellschaften zu bewerten?
Wenn Sie einen noch nicht veröffentlichten aktuellen und innovativen wissenschaftlichen Beitrag zum Schwerpunktthema „Ideologien“ in der Zeitschrift LIMINA publizieren möchten, dann senden Sie bitte das Konzept Ihres Beitrags (max. 4.000 Zeichen) an: limina(at)uni-graz.at
Der vollständige Beitrag (in deutscher oder englischer Sprache) sollte nicht mehr als 40.000 Zeichen umfassen. Informationen zur Zeitschrift, zum Peer-Review-Verfahren und zu den Publikationsrichtlinien finden Sie auf: http://unipub.uni-graz.at/limina
Einsendeschluss für Beitragskonzepte: 30.06.2026
Entscheidung über die Annahme der Beitragskonzepte: 15.07.2026
Einsendeschluss für die ausgearbeiteten Beiträge: 15.11. 2026
Erscheinungstermin: Mai 2027
Herausgeber:innen dieser Ausgabe:
Isabella Guanzini, Annette Langner-Pitschmann und Andreas Telser
Schriftleitung:
Peter Ebenbauer