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Dass sich das Verhältnis von (katholischer) Kirche, Politik und Macht in den letzten Jahren verschoben hat, ist kaum zu übersehen. In einem gesellschaftlichen Klima, das von Verunsicherung, Demokratiemüdigkeit, Polarisierung und dem Erstarken autoritärer Tendenzen geprägt ist, formieren sich auch im Raum des Christentums neue Allianzen. Im Katholizismus vernetzen sich fundamentalistische religiöse Strömungen mit einer erstarkenden politischen Rechten, u. a. im sogenannten „Neointegralismus“. Dabei ist eine wechselseitige Funktionalisierung zu beobachten: Parteien und Bewegungen entdecken christliche Semantiken als Ressource identitätspolitischer Abgrenzung und kultureller Hegemonie; zugleich suchen fundamentalistische Akteur:innen im politischen Feld nach Resonanzräumen und Machtoptionen, die eine Veränderung oder Eliminierung liberal-demokratischer Ordnungen anzielen.
Diese Konstellationen werfen Fragen nach den „unheiligen Koalitionen“ auf, die sich zwischen kirchlichen Milieus, manchen neuen geistlichen Be­wegungen, neointegralistischen Denkströmungen und der politischen Rechten in Europa und darüber hinaus herausbilden. Wer instrumentalisiert hier wen – und zu welchem Preis? Welche Formen von Machtgewinn, symbolischem Kapital und Deutungshoheit werden verteilt, verteidigt oder zurückerobert? Und wie verhalten sich diese Dynamiken zu den Selbstverständnissen und ekklesiologischen Grundentscheidungen der Kirchen, insbesondere zu den Reformimpulsen des Zweiten Vatikanischen Konzils?
Die geplante Ausgabe von LIMINA 10:2 widmet sich deshalb dem komplexen Beziehungsgeflecht von Kirche – Politik – Macht, fokussiert am Beispiel des Neointegralismus und verwandter Phänomene einer „christlichen Rechten“. Sie möchte sowohl die Binnenperspektive von Theologie als auch den Blick von außen (Philosophie, Politikwissenschaft, Sozialethik, Religionssoziologie, Kommunikations- und Medienwissenschaften u. a.) miteinander ins Gespräch bringen. Ziel ist es, die gegenwärtigen Erscheinungsformen sowie die demokratie- und theologiepolitischen Implikationen dieser Strömungen zu analysieren und sie einer systematisch-theologischen Reflexion zu unterziehen.
Dabei geht es nicht nur um eine Beschreibung neointegralistischer Milieus, sondern auch um die Auseinandersetzung mit der Infragestellung sowie den Schwächen demokratischer bzw. liberaler Ordnungen. Ferner soll die Frage thematisiert werden, warum illiberale Alternativen für (junge) katholische Theolog:innen attraktiv sind. Besonders interessiert dabei die Rolle sozialer Medien als Resonanz- und Radikalisierungsraum. All diese Phänomene sind eine Herausforderung für die Entwicklung einer zeitgemäßen politischen Theologie und für religiöse und demokratische Bildung im Kontext wachsender Fundamentalismen. Die Ausgabe strebt an, verschiedene, auch gegensätzliche, Positionen differenziert zu Wort kommen zu lassen und ausdrücklich kontroverse Diskussionen zu ermöglichen.

Ausgehend von diesen Überlegungen dienen die folgenden exemplarischen Fragestellungen der inhaltlichen Konkretisierung des Calls:

  • Wie sind die Verflechtungen zwischen kirchlichen Bewegungen, neuen geistlichen Gemeinschaften und politischen Akteur:innen zu beschreiben? Welche Formen symbolischer, institutioneller und diskursiver Macht werden hier mobilisiert, stabilisiert oder um­codiert?
  • Inwiefern lassen sich Konvergenzen und Divergenzen zwischen neointegralistischen Positionen und gegenwärtigen Formen des Postliberalismus erkennen? Welche Kritik am politischen Liberalismus wird formuliert, und welche theologischen, moraltheologischen oder sozialethischen Optionen werden alternativ dazu stark gemacht?
  • Wo verlaufen die Grenzen zwischen „rechtskonservativ“, „rechts“ und „rechtsextrem“, und welche Grade von Demokratiegefährdung werden sichtbar?
  • Wie lässt sich der Begriff des Neointegralismus theologisch, politikwissenschaftlich und philosophisch bestimmen? In welchem Verhältnis steht er zu klassischen Formen des Integralismus, zu Antimodernismus, Traditionalismus und anderen Strömungen im Umfeld der christlichen Rechten?

 

  • Welche sozialethischen und politikwissenschaftlichen Analysen der Verbindung zwischen christlicher Rechter und rechtspopulistischen bzw. rechtsextremen Parteien sind bereits vorhanden, und wie werden sie theologisch rezipiert?
  • Welche Formen einer aktualisierten „Politischen Theologie“ können auf fundamentalistische Tendenzen reagieren, ohne dass sie selbst in illiberale oder autoritäre Denkmuster verfallen? Wie lassen sich Demokratie, Pluralität und Menschenrechte theologisch robust begründen?
  • Welche toxischen Theologien, wie Offenbarungspositivismus, Nützlichkeitslogiken oder präsentische Wirksamkeitsversprechen, lassen sich in neoliberalen und rechtstraditionalen Narrativen identifizieren, die manipulativ eingesetzt werden?
  • Wie konfigurieren sich Macht- und Herrschaftsverhältnisse im Feld Kirche–Politik–Medien? Wer funktionalisiert wen – Kirche die Politik, Politik die Kirche, Influencer:innen die Kirchenstrukturen oder umgekehrt? Welche Rolle spielen dabei Demütigungs- und Opferlogiken, Märtyrerfiguren und messianische Selbstinszenierungen?

 

  • Wie ist das Verhältnis von kirchlicher Autorität, institutioneller Macht und charismatischen Führungsfiguren zu bedenken, wenn neointegralistische Milieus sich zugleich auf Tradition wie auf digitale Personenkulte stützen? Welche alternativen Modelle von Autorität bzw. von Partizipation bieten sich an?
  • Welche Allianzen und Netzwerke zwischen katholischen und anderen religiösen Fundamentalismen (z. B. im Islam oder in evangelikalen Kontexten) lassen sich erkennen – sei es in der Ablehnung ­liberaler Demokratien, in Fragen von Geschlechterrollen, Sexualität, „christlicher/abendländischer Identität“ oder Religionsfreiheit?
  • Welche Rolle spielen Social Media, Podcasts, Influencer:innen und digitale Netzwerke bei der Verbreitung neointegralistischer und rechtstraditionaler Narrative und bei der Herausbildung junger, transnational vernetzter Milieus? Welche rhetorischen, ästhetischen und affektpolitischen Strategien werden genutzt, und warum blieben sie in kirchlichen Kontexten lange Zeit unbemerkt?
  • Welche demokratie- und bildungspolitischen Herausforderungen ergeben sich aus dem Erstarken einer christlichen Rechten für Konzepte religiöser Bildung sowie etwa für die Priesterbildung? Welche Spielräume haben „vermittelnde Kräfte“ in der Kirche – und wo stoßen sie an strukturelle Grenzen?
    Welche empirischen Zugänge – etwa durch Interviews, O-Töne von Studierenden, Fallanalysen von Influencer:innen oder Bewegungen – können helfen, die Faszination neointegralistischer und rechtstraditionaler Angebote für junge Menschen zu verstehen und kritisch zu reflektieren?


Die Herausgeber:innen laden ausdrücklich zu interdisziplinären Beiträgen ein, die das Feld Kirche – Politik – Macht aus systematisch-theologischer, fundamentaltheologischer, praktisch-theologischer, sozialethischer, religionspädagogischer, philosophischer, politikwissenschaftlicher, soziologischer oder medien- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive erschließen. Erwünscht sind sowohl grundlagenorientierte als auch empirische Studien, die zur differenzierten Analyse der gegenwärtigen Konstellation beitragen.

Wenn Sie einen noch nicht veröffentlichten aktuellen und innovativen wissenschaftlichen Beitrag zum Schwerpunktthema „Kirche –Politik – Macht. Ein theologischer Blick auf neue Netzwerke von christlicher und politischer Rechten“ in der Zeitschrift LIMINA publizieren möchten, dann senden Sie bitte das Konzept Ihres Beitrags (max. 4.000 Zeichen) an:

limina(at)uni-graz.at

Der vollständige Beitrag (in deutscher oder englischer Sprache) sollte nicht mehr als 40.000 Zeichen umfassen. Informationen zur Zeitschrift, zum Peer-Review-Verfahren und zu den Publikationsrichtlinien finden Sie auf:

http://unipub.uni-graz.at/limina

  • Einsendeschluss für Beitragskonzepte: 15.12.2026
  • Entscheidung über die Annahme der Beitragskonzepte: 22.12.2026
  • Einsendeschluss für die ausgearbeiteten Beiträge: 31.03.2027
  • Erscheinungstermin: Herbst 2027


Herausgeber:innen dieser Ausgabe:
Bernd Hillebrand, Angelika Walser und Wolfgang Weirer

Schriftleitung:
Peter Ebenbauer